Urteil

Ich frage mich wirklich wo der Fokus so mancher Menschen eigentlich liegt, bzw. nach welchen Kriterien sie diesen festsetzen. Es ist mir wirklich ein Rätsel mit welcher Anstrengung und Intensität so mancher andere verurteilt, an den Pranger stellt und Richter spielt. Ich bin mir nicht ganz sicher ob es eine Form der Ablenkung von dem eigenen Scheiss vor der Türe, oder unterm Teppich sein soll, oder ob sie der Meinung sind der Menschheit einen Gefallen zu tun wenn sie das Unrecht der Welt aufdecken und die vermeintlich Schuldigen anklagen.

Ich zitiere zwar nur ungern die Bibel, aber in dem Fall scheint es mir doch sehr passend zu sein, denn „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“ Ich bin generell kein Freund von dem Wort Schuld oder Sünde, dennoch sagt dieses Zitat genau das aus, worum es mir geht. Niemand von uns kann sich hinstellen und mit ruhigem Gewissen sagen, dass er noch nie unüberlegt gehandelt hat, dass er noch nie etwas Unfreundliches gesagt, getan oder gedacht hat, dass er noch nie einen, sagen wir mal, Fehler gemacht hat oder etwas, das ihm hinterher leid getan hätte. Dass man vielleicht zu heftig reagiert hat, oder mit dem Haustier, Partner, Nachbar, Taxifahren oder wem auch immer nicht so freundlich umgegangen ist wie man es hätte tun sollen oder wie man es eigentlich vorgehabt hätte.

Fakt ist, dass wir alle schon mal richtig Scheisse gebaut haben, und wenn es schon Jahre lang zurückliegen mag, ich denke, dass ihr mir da zustimmt. Und irgendwie gehört das für mich auch zum Leben dazu. Das Leben besteht aus unendlichen Möglichkeiten, unzähligen Erfahrungen, Erlebnissen und Situationen und aufgrund dieser unendlichen Möglichkeiten und Situationen passiert es eben auch, dass wir eine Möglichkeit wählen, die vielleicht nicht die klügste war, oder wir verletzen andere dadurch, oder verärgern jemand anderen. Wir alle tun das. Wir sind Menschen und wir alle sind am Ausprobieren, Testen und Erfahrungen sammeln wie es wohl am besten, einfachsten und schönsten ist und was es braucht um das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Denn diesen einen Wunsch haben wir alle gemein, ob alt, ob jung, ob schwarz, ob weiß, wir alle wollen doch ein glückliches und erfülltes Leben. Wie auch immer das für jeden einzelnen aussehen mag. Und nachdem uns dieser eine Wunsch verbindet, wäre es nicht schön wenn wir einander so sein ließen wie wir sind oder wie wir in dem Moment wählen zu sein? Vielleicht können wir gerade nicht anders wählen, vielleicht sehen wir gerade keine andere Möglichkeit als so zu handeln. Jetzt wo ich das schreibe, wird mir bewusst, dass es wirklich so ist. Wir wählen was wir wählen, nicht unbedingt immer weil wir es wollen, sondern ganz oft weil wir gerade nicht anders können. Weil wir gerade keine andere Möglichkeit sehen um zu agieren, reagieren und handeln.

Ich versuche das gerade auf jede Situation und jede Handlung umzulegen und es dämmert mir, dass Menschen die grausame Dinge tun dies wählen zu tun, nicht unbedingt weil sie es wollen, sondern sicher auch ganz oft, weil sie gerade keine andere Möglichkeit sehen. Und bevor jetzt die Stimmen laut werden, dass ich hier gerade einen Freibrief für Gewaltverbrecher oder dergleichen schreibe, ruhig Blut, das ist nicht meine Absicht. Es geht nur darum, dass wir , wenn wir das nächste Mal jemanden oder dessen Handeln verurteilen, vielleicht kurz innehalten bevor wir loswettern und uns fragen, ob er oder sie vielleicht gerade keine andere Möglichkeit als diese sieht und meint, dass das genau das Richtige ist.  Oder aufgrund seines Filters gar nicht auf die Idee kommt , dass es auch anders ginge. Unabhängig ob wir es als falsch oder unrecht ansehen. Denn wir sehen oft nur diese eine Handlung, kennen den Hintergrund nicht, wissen nicht was dieser Mensch denkt, fühlt und oft auch nicht wie er lebt.

Und ja, ich weiß, dass ich mich da gerade sehr weit aus dem Fenster lehne, viele denken bestimmt an Tierquäler, Vergewaltiger, Mörder etc. und dennoch frage ich mich, ob sie vielleicht gerade wirklich nicht anders handeln können? Und was kreiert es, wenn man gegen etwas kämpft, wenn man gegen jemanden wettert? Mehr davon. Mehr Widerstand, mehr Wut, mehr von dem was wir bekämpfen wollen. Und ich schreibe das auch für mich selbst, denn auch ich bin noch ganz oft im Verurteilungsmodus und bekämpfe Unrecht oder was mir als Unrecht erscheint, aber ich werde das nächste Mal inne halten, durchatmen und mir sagen, dass ich streng genommen nicht das Recht habe andere oder ihr Handeln zu verurteilen, ich muss es nicht gut heißen, ich muss es nicht mögen, aber ich sollte nicht urteilen, denn ich kann nicht wissen was in der Welt des anderen vorgeht und welche Möglichkeiten die Person für sich in dem Moment tatsächlich sieht und sehen kann.

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