Tarnen und Täuschen

Wer kennt es nicht dieses Gefühl, wenn man frisch verliebt ist? Die Schmetterlinge im Bauch, die Unsicherheit bei den ersten Treffen, die ersten Berührungen und die ersten gemeinsamen Nächte.

Alles ist neu, aufregend und unbekannt. Man fühlt sich unsicher, weiß nicht, wie man sich verhalten soll. Zeigt sich von seiner besten Seite, man will den anderen ja schließlich nicht vergraulen oder abschrecken.

Wir sind immer top gestylt (das gilt für Männer, wie Frauen, wenngleich Frauen sich da wahrscheinlich noch mehr ins Zeug legen). Wir wollen schließlich perfekt aussehen, schminken uns mit noch mehr Hingabe, probieren zig verschiedene Outfits vor dem Spiegel, um dann festzustellen, dass wir rein gar Nichts zum Anziehen haben.

Wir versuchen die Haare offen zu tragen, machen einen Zopf, stecken sie hoch, machen sie wieder auf und entscheiden uns dann doch wieder um. Und wir verhalten uns perfekt. Wir zicken nicht, wir meckern nicht, wir widersprechen nicht. Wir finden Sport und Starwars toll. Wir bemühen uns, so zu sein wie wir glauben, dass der andere uns haben will.

Wir sind verliebt und wollen, dass es lange so bleibt und dass es dem anderen auch so geht. Wir versuchen also zu eruieren wie der andere uns haben will, worauf er bei Frauen steht, was ihm wichtig ist und was ihm gefällt.

Und dann versuchen wir so zu sein, auch wenn wir es nicht sind. Also zwängen wir uns in das neue Kostüm, und spielen die Rolle seiner vermeintlichen Traumfrau. Wir zupfen und zerren an uns herum, lassen da etwas weg und fügen dort was hinzu, schneiden hier noch etwas ab und kleben dort wieder was auf. Wir sind nicht wir, wir sind nicht echt und wir legen eine Maske an.

Man versucht auf keinen Fall zu streiten und eigentlich hat der andere ja auch gar keine Fehler, er scheint perfekt zu sein.

Also müssen wir uns auch anstrengen, um perfekt zu sein. Dass der andere sich aber auch in ein Kostüm gezwängt hat, das ihm nicht wirklich passt, und auch er an sich herumgeschraubt hat, bemerken wir nicht. Und so spielen wir beide unsere Rollen.

Er versucht seine Eifersucht und seinen chaotischen Lebensstil zu verbergen, sie versucht nicht zickig zu sein und so zu tun als liebe sie Fußball und seine nervigen Arbeitskollegen. Und beide bemühen sich auf Teufel komm raus, der Rolle gerecht zu werden.

Anfänglich fällt das nicht schwer, weil man so verliebt ist und den anderen einfach glücklich machen will.Man fühlt sich wohl in der Gegenwart des anderen. Da fällt es uns nicht auf, dass wir nicht wirklich wir selbst sind und dass wir Vieles tun um des lieben Frieden Willens.

Wir bemerken nicht, wie oft wir Dinge nicht sagen, runterschlucken oder beschönigen, um ja kein Aufsehen zu erregen oder den anderen zu verärgern.Er soll schließlich nicht denken, dass wir kompliziert sind. Wir gehen faule Kompromisse ein, die eigentlich für uns nicht funktionieren und fühlen uns dabei auch noch verständnisvoll und großzügig. So macht man das eben in einer Beziehung, man passt sich an.

Doch nach einer Zeit (und das kann lange dauern, denn wir sind wahre Meister im Anpassen), schleicht sich unweigerlich der Alltag ein. Er lässt plötzlich sein Zeug überall herumliegen und mal seinen Frust ab, weil der Chef einfach ein Arsch ist, und sie motzt ihn an, weil sie schlecht geschlafen hat und die Kollegin auf Urlaub ist.

Man beginnt öfter sein wahres Gesicht zu zeigen, sich nicht mehr zu bemühen und lässt Stück für Stück die Maske wieder fallen. Die Enttäuschung ist dann oft groß. Der Ritter in der strahlenden Rüstung interessiert sich plötzlich mehr für Sport und seine Jungs und romantische Dinner bei Kerzenschein gab es schon lange nicht mehr.

Die sexy Hausfrau, die immer Lust hatte, hat nicht mehr so viel Lust und ist auch schon mal im Schlabberpulli und Jogginghose anzutreffen. Sie trifft sich mit den Mädels, um über ihn herzuziehen und sich zu beschweren, dass er sich so verändert hat. Mit ihm redet sie darüber aber nicht. Wenn dann nur im Streit und dann knallt sie ihm die Vorwürfe um die Ohren.

Sie streiten, immer öfter. Es gibt immer weniger Zweisamkeit. Man redet nicht mehr miteinander, man hört dem anderen auch gar nicht mehr zu. Man geht nicht mehr aufeinander ein, nimmt keine Rücksicht mehr und macht wieder sein eigenes Ding. Und am Ende fragt man sich was passiert ist. Man hat sich doch so sehr geliebt, so gut verstanden.

Doch man vergisst, dass man nicht ehrlich war, dass man die Karten nicht von Anfang an auf den Tisch gelegt hat. Das Theaterstück ist nun zu Ende. Das Kostüm wurde abgestreift, und man sieht sich in einem anderen Licht und versteht die Welt nicht mehr. Wo ist der Mensch geblieben, in den man sich verliebt hat?

Es war eine Rolle, die gespielt wurde, eine Illusion eines Menschen, den es so nicht wirklich gab, weil unser Partner diese Rolle nicht spielen will und es auch nicht kann, zumindest nicht auf Dauer. Wenn wir von Anfang an authentisch wären und uns so zeigen würden, wie wir sind. Mit all unseren Schwächen, Macken und Eigenheiten.

Wenn wir gleich zu Beginn die Karten auf den Tisch legen würden und sofort klarstellen, was für uns nicht funktioniert oder uns verletzt. Wenn wir unsere Schwächen nicht zu überdecken versuchen, wenn wir uns nicht in das Kostüm des perfekten Partners quetschen würden.

Wenn wir uns mit all unseren Launen, Macken und Unsicherheiten zeigen würden, dann würde sich vielleicht auch der Partner entspannen und mehr er selbst sein. Man würde vielleicht schneller feststellen, ob man tatsächlich zusammenpasst oder ob man sich zu sehr verbiegen müsste, um der Rolle gerecht zu werden.

Wir müssten nicht mehr spielen jemand zu sein, der wir nicht sind. Wir müssten nichts vortäuschen oder verbergen. Wir müssten uns nicht so sehr anstrengen und verbiegen oder an uns arbeiten.

Wir wären ehrlich, offen, von Anfang an. Jeder wüsste worauf er sich einlässt, kein Verbiegen, Verstellen, oder Kaschieren. Vielleicht würden manche Beziehungen dann gar nicht ernst beginnen, vielleicht würden wir wählerischer werden, und auch mal allein sein. Aber wir wären ehrlicher, authentischer und freier.

Wir würden uns dann nicht vollkommen in der Beziehung verlieren. Wir könnten unsere Authentizität wahren und müssten unser Sein nicht aufgeben. Und vielleicht würden dann viele Beziehungen nicht wie große Seifenblasen zerplatzen, wenn uns dann bewusst wir, dass wir die Rolle nicht länger spielen können und wollen.

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