Wer wären wir ohne unsere Geschichte?

Was wäre, wenn du morgen aufwachst, ohne deine Geschichte? Was wäre, wenn du vergessen hättest, was dir alles widerfahren ist? Was wäre, wenn du morgen früh die Augen aufschlägst und einfach nur glücklich bist? Was wäre, wenn du dein Leben jeden Morgen neugestalten würdest, ohne Erinnerung an das Gestern? Was wäre, wenn du dein Leben als leeres Buch ansehen würdest und jeden Tag beginnst du mit der ersten Seite?

Es gibt keine Vorgeschichte, keine Altlasten, keine Verletzungen. Nichts was dich hindert der Mensch zu sein, der du sein willst. Nichts was dich davon abhält die Menschen so zu sehen wie du sie sehen willst. Ganz gleich, was sie einst gesagt oder getan haben. Es ist bereits vorbei, Geschichte. Und du schreibst deine Geschichte jeden Tag neu. Du hörst auf dich mit deiner Geschichte zu identifizieren. Du bist nicht länger die betrogene Ehefrau oder alleinerziehende Mutter, die es in den Augen der Mutter nie zu etwas bringen wird. Du bist nicht mehr der schwule Junge, den Fußball noch nie interessiert hat und dessen Vater sich für ihn schämt. Du bist nicht mehr die Kleine, die vom Onkel missbraucht wurde und sich und ihren Körper hasst. Du bist nicht mehr der abgefuckte Säufer, der die Miete nicht zahlen kann.

Was wäre, wenn wir all unsere Geschichten loslassen würden, um uns selbst zu befreien? Wie wäre unser Leben, wenn wir keine Vergangenheit hätten, bzw. wenn wir sie nicht mehr relevant machen würden? Ich kann schon die Einwände hören: „ aber meine Vergangenheit macht mich aus, meine Erfahrungen haben mich geprägt und zudem gemacht, was ich heute bin, ohne meine Geschichte bin ich doch nicht Ich!“
Und so dachte ich bis vor kurzem auch noch…

Aber was wäre denn tatsächlich, wenn wir uns nicht ständig an unsere Vergangenheit erinnern und klammern würden? Wer wären wir ohne unsere Geschichten und Dramen? Wie wären wir, und was wäre dann möglich? Wir könnten sein, wer und was immer wir sein wollen. Denn ohne unsere Vergangenheit hätten wir auch keine Annahmen, Urteile und Glaubenssätze, die unseren Blick und unsere Sicht vernebeln würden. Wir hätten viel mehr Handlungsspielraum, Freiheit und mehr Wahlmöglichkeiten.
Wenn wir nicht mehr an der Vergangenheit und unseren Erlebnissen festhalten würden, könnten wir jeden Tag neu wählen. Wir könnten aufhören die Rollen zu spielen, die wir uns aufgrund unserer Geschichten gegeben haben. Gleichzeitig könnten wir aufhören unseren Mitmenschen die Rollen zu geben, die sie aufgrund unserer Annahmen und Erlebnisse von uns erhalten haben. Wir könnten uns und sie befreien.

Wir müssten nicht mehr das schwarze Schaf der Familie sein, das in den Augen des Vaters ständig versagt und nichts richtig macht. Der Vater könnte vielleicht sogar die Rolle des herrischen Tyrannen verändern oder ablegen, wenn wir ihn mit anderen Augen sehen würden. Wenn wir vielleicht die Möglichkeit in Betracht zögen, dass er sich doch anders verhalten könnte.

Wie oft denken wir „der oder die ist eben so, das wird sich nie ändernSie ist ein Egoist; er ist ein Sturkopf; sie wird mich immer wieder enttäuschen. „Diese Gedanken ließen sich unendlich fortführen. Doch was erzeugen wir mit solchen Annahmen? Sie können gar nicht anders, als ihre Rollen weiterzuspielen – haben wir sie ihnen doch gegeben. Und so liegt es an uns, ihnen neue Rollen zu schreiben. Was hindert uns daran uns vorzustellen, dass der Vater uns abgöttisch liebt und stolz ist? Was hindert uns daran uns vorzustellen, dass unsere Schwester uns den Erfolg von Herzen gönnt und sich mit uns freut? Das heißt nicht zwangsläufig, dass es so sein wird, aber wir verändern unsere Sichtweise, unsre Annahmen und dadurch fühlen wir uns besser. Wir sind in einem anderen Zustand. Wir fühlen uns geliebt, angenommen und dieses Gefühl wird sich Ausdruck verleihen.

Wir können uns so sehen, wie wir uns sehen wollen und wir können unsere Mitmenschen so sehen, wie wir sie sehen wollen. Denn wir fühlen uns einfach wohler und glücklicher, wenn wir das tun. Viele werden dagegen jetzt protestieren. Das sei vollkommen illusorisch und naiv. Menschen sind eben so wie sie sind. Wir alle haben eine Vergangenheit und wir alle haben Altlasten und müssen damit leben. 

Stimmt das, müssen wir das tatsächlich? Haben wir keine Wahl mit der Vergangenheit anders umzugehen? Sind wir Opfer der Umstände und des Lebens? Ist Glück tatsächlich willkürlich oder eine bewusste Entscheidung?

Jeder darf gern glauben, was er oder sie glauben möchte. Ich glaube, nein, ich weiß, dass ich sein kann, was immer ich sein will, ganz egal was ich erlebt habe und was mir widerfahren ist. Was wäre wohl möglich ohne das Gestern? Ich bin bereit es herauszufinden. Ich schreibe meine Geschichte neu. Wer und wie möchte ich sein?

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