Wie wäre es?

Seit über 20 Jahren habe ich mit einer Essstörung zu kämpfen. Mal mehr ausgeprägt, mal weniger. Bis vor kurzem dachte ich, dass ich es vollends überwunden hätte. Denn immerhin ist die Bulimie tatsächlich besiegt, zumindest 90 % der Zeit. Also bin ich geheilt und frei. Die Wahrheit ist allerdings, dass ich mich nach wie vor ständig mit Essen, Kalorien und Sport beschäftigt habe. Sport war weiterhin fixer Bestandteil meines Alltages, weil mir das ja sooo viel Spaß macht und ich mich sooo gern bewege. Das habe ich mir und allen anderen zumindest eingeredet. Tatsache ist, dass ich ganz oft absolut keine Lust auf Sport hatte, doch das gab ich weder vor mir zu und schon gar nicht vor anderen.

Die Frage ob ich Lust hatte, stellte sich für mich ohnehin nicht. Es hatte so zu sein. Sport ist unbedingt erforderlich damit ich nicht zunehme bzw. überhaupt essen darf. Aber hey, ich bin geheilt. Ich liebe und akzeptiere meinen Körper (mehr oder weniger) und da ist keinerlei Obsession mehr. Dieser Auffassung war ich bis vor kurzem tatsächlich. Bis ich realisierte wie unfrei ich noch immer bin/war. Wenn man mir etwas Süßes anbot, war meine Standardaussage „Nein danke, ich bin grad auf Diät“ oder „ich versuch grad abzunehmen“. Meine Freizeitaktivitäten wurden immer so gelegt, dass ich Zeit hatte für Sport, egal wann, egal wie, alles andere musste hintanstehen. Wenn ich meine Wochenenden plante, kam an aller erster Stelle Sport und dann alles weitere.

Als Ex-Essgestörte müsse man einfach sein ganzes Leben vorsichtig und wachsam sein, denn man könne schnell wieder rückfällig werden und der Teufelskreis beginnt von neuem. Man muss sich einfach damit abfinden, dass man eine Vorgeschichte hat und diese so gut es geht in den Alltag integrieren. Im Prinzip bist du trockener Alkoholiker, der einfach nicht mehr trinkt. Aber als Essgestörter kannst du nicht aufhören zu essen. Du kannst dem Trigger auch nicht aus dem Weg gehen oder meiden. Also musst du einen Weg finden damit umzugehen. Du musst dich damit arrangieren, Warnzeichen frühzeitig erkennen und dementsprechend reagieren. Das wird einem zumindest so gesagt.

Und das hab ich getan. Ich hatte immer wieder tolle Erkenntnisse und Erfolgserlebnisse, die ich dann mit der Außenwelt teilen wollte. Ich wollte anderen zeigen, dass es anders geht, dass man es schaffen kann, dass man sich befreien kann und ich wollte mir zeigen, dass man es wirklich schaffen kann. Und man kann es wirklich schaffen.

Ich kann es schaffen und mich ein für alle Mal davon befreien. Wenn ich meine Geschichte loslasse und ihr keine Aufmerksamkeit mehr schenke, wenn ich meine Annahmen und Ansichten darüber ändere. Wie wäre es frei davon zu sein? Wie wäre es nicht mehr ständig an Essen oder Sport denken zu müssen? Wie wäre mein Leben, wenn ich mich und meinen Körper wirklich lieben würde? Wie würde ich mich fühlen, wenn ich Essen tatsächlich genießen könnte, ohne schlechtes Gewissen? Wie würde es sich anfühlen frei von der Obsession zu sein? Wer wäre ich ohne Essstörung, ohne Körperhass? Ich bin gerade dabei es rauszufinden und es fühlt sich wundervoll an. Wer wärst du, ohne deine Geschichte?

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