Das Ufer

Vorsichtig setze ich einen Schritt nach dem anderen, ruhig und mit Bedacht, denn ich möchte nicht einstürzen. Die Sonne lässt das Eis wie tausend kleine Kristalle glitzern und erinnert mich daran, wie zerbrechlich es ist. Die Schicht ist noch nicht hart genug, ganz frisch und erst vor kurzem wieder zugefroren. Erneut bietet sich mir die Möglichkeit es zu betreten. Und ich nutze sie, wieder einmal. Denn ich will hinüber, zum Ufer. Das Ufer, das mich schon so lange fasziniert und meine Aufmerksamkeit immer wieder auf sich zieht. Das Ufer, auf das ich voller Sehnsucht und Verlangen schiele. Jetzt ist es wieder mal so weit, denn der Boden ist erneut gefroren und der reißende Fluss erliegt der klirrenden Kälte. Wenn ich ganz still bin und genau hinhöre, dann kann ich unter mir das Wasser hören, das sich noch nicht vollkommen ergeben hat und versucht weiterzufließen.

Eine unüberlegte oder zu hastige Bewegung könnte ausreichen und mir wahrlich den Boden unter den Füßen wegreißen. Und dann? Was dann? Was, wenn das Eis meinem Gewicht und meinen Schritten nicht standhält? Ich blicke um mich. Gibt es etwas, womit ich mich wieder rausziehen kann? Kann ich mich irgendwo festhalten? Wie weit ist es tatsächlich bis zu meinem Ziel? Ich wäge ab, erneut. Ist es das Wagnis wert oder soll ich lieber umkehren, zurück zu meiner Insel? Schon wieder? Meine Insel ist schön, gemütlich aber vor allen Dingen ist sie sicher. Ich fühle mich wohl auf ihr und kenne sie in und auswendig. Ich weiß, wo ich alles finde, was ich brauche und kenne geeignete Verstecke, die mir Schutz vor drohenden Unwettern bieten. Die Insel ist mein zu Hause und ich lebe gern auf ihr. Warum also dieses Risiko eingehen? Warum nicht alles so belassen wie es ist? Warum sich nicht mit dem zufriedengeben, was man hat?

Und erneut wandert mein Blick in die Ferne. Es zieht mich magisch an. Es ist neu, unbekannt, aufregend und unsicher und doch fühle ich tief in mir, dass ich dorthin muss. Es ist mein Weg, mein ursprüngliches zu Hause. Das Ufer ruft mich und auch wenn ich nicht weiß, ob die Eisschicht stark genug ist, um mich zu tragen, muss ich weitergehen. Ich muss es versuchen. Andernfalls werde ich es nie wissen und in mir wird ewig diese Sehnsucht wohnen und diese zermürbende Frage. Was wäre, wenn ich weitergegangen wäre?

Und so setze ich meinen Weg fort. Vorsichtig und mit großer Sorgfalt. Ich achte auf Geräusche und Anzeichen, die mir signalisieren, dass das Eis zu brechen droht. Ich lausche und halte wenn nötig inne, um mein Gewicht besser verteilen zu können und dem Boden Zeit zu geben sich neu auszurichten und an mich zu gewöhnen. Und wenn mich Angst und Zweifel heimsuchen, dann blicke ich zum Ufer und weiß, dass es sich lohnt.

Ich spüre, dass ich meiner Insel entwachsen bin und, dass es Zeit ist aufzubrechen und weiterzuziehen. Und so folge ich dem Ruf des Ufers und gehe weiter, voll im Vertrauen, dass ich ankommen werde. Selbst wenn das Eis bricht und ich einstürze, werde ich Mittel und Wege finden, um mein Ziel zu erreichen. Egal ob mich das Eis trägt oder nicht. Ich gehe weiter, denn das ist mein Weg, der mich zu meinem Ufer führt…

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