Der unheimliche Weg

Ich bin schon eine ganze Weile unterwegs, ein wenig müde und möchte gern nach Hause, also mache ich mich auf den Rückweg und suche nach dem Pfad. Dann erblicke ich den Weg, doch er ist vollkommen verwachsen, kaum sichtbar und wirkt unheimlich. Es sind zwar blasse Markierungen, die darauf schließen lassen, dass es hier weiter geht, aber sicher bin ich mir nicht. Ich kann nicht sehen, wo er mich hinführt, denn das Gestrüpp und Geäst versperren mir die Sicht. Da vorn ist eine weitere Markierung, ganz verdeckt, unscheinbar und leicht zu übersehen, aber sie ist da. Doch was, wenn es keine Markierung ist und ich mich irre? Soll ich umdrehen? Den ganzen Weg nochmal zurücklaufen? Oder suche ich nach einem anderen, sicheren Weg?

Dann höre ich eine mir vertraute Stimme, die ich allzu oft anzweifle und ignoriere und doch höre ich sie: „Vertraue, geh weiter! Dir passiert nichts. Vertrau.“ Doch ich kann nicht. Viel zu groß ist meine Angst, mich zu verlaufen und dann vollkommen die Orientierung zu verlieren. Was, wenn der Weg eine Sackgasse ist oder mir zu steil und beschwerlich wird und ich nicht mehr kann?

Nein, ich kann nicht. Ich muss einen anderen Weg suchen. Das kann nicht der richtige Weg sein. Ich drehe also um, mache mich auf die Suche nach dem Weg, der mich sicher nach Hause führt. Ich klettere hoch hinauf, muss mich durch Dickicht und Geröll kämpfen, um dann festzustellen, dass ich anstehe und nicht weiter kann. Ich suche nach einer Abzweigung, klettere weiter, um dann vor mir eine Schlucht zu finden, die mich zum erneuten Umkehren zwingt.

Ich gehe also zurück. Bin verzweifelt und bekomme Angst. Was, wenn ich mich geirrt habe und der unheimliche Weg doch der richtige ist? Ich klettere höher hinauf, damit ich besser sehen kann und hoffe mich dann wieder orientieren zu können. Dieser Weg kann nicht der richtige sein. Da kann ich nicht durchgehen! Ich sehe rein gar nichts und müsste mich blind vortasten. Links und rechts geht es steil bergab. Da kann ich einfach nicht lang gehen. Wieder das Flüstern: „Vertrau, geh weiter! Dir passiert nichts.“ Ich möchte. Ich möchte ja so gern. Immerhin hab ich schon unzählige „Beweise“ erhalten, dass ich mich auf diese Stimme verlassen kann und doch überwiegt meine Angst, mich zu irren und dann allein im Nirgendwo zu stehen, ohne einen Kompass und jeglichen Plan.

Also suche ich einen anderen Weg, der mich wieder nach Hause führt. Erneut ignoriere ich den Weg, der so offensichtlich vor mir liegt, ignoriere die zarten Markierungen und auch das sanfte Flüstern. Ich gehe weiter. Ich klettere noch höher, kämpfe mich erneut durch Gestrüpp, verletze mich an den Dornen, die sich durch mein Hosenbein bohren, fluche, schimpfe und bin den Tränen nahe. Verdammt, wieso kann ich nicht einfach vertrauen? Ich gebe auf. Ich gehe jetzt diesen Weg. Was soll schon passieren! Irgendwie wird’s schon gehen. Ich vertraue. Aber was wenn es falsch ist? Was wenn ich mich irre? Ich hab Angst. Bitte hilf mir. Ich kann es nicht.

Plötzlich sehe ich zwei Wanderer, die zügig und zielgerichtet den unsichtbaren Weg gehen, ohne auch nur eine Minute zu zögern. Sie scheinen zu wissen, wo sie lang müssen, auch wenn sie nichts sehen, gehen sie zielsicher und zuversichtlich durch das Dickicht und wissen, dass sie gut und sicher an ihr Ziel kommen. Ich bin beeindruckt, mit welcher Sicherheit sie sich ihren Weg durch diese Finsternis bahnen. Mit ein wenig Abstand folge ich ihnen und stelle fest, dass sich das Dickicht und Geäst ganz sanft beiseiteschieben lässt und mir den Weg ohne Widerstand freigibt. Ich sehe immer noch nichts, aber ich weiß, dass ich ruhigen Gewissens weitergehen kann und mir nichts passieren wird.

Ich blicke nach oben in den Himmel, denn dann fühle ich mich der Stimme immer besonders nah, wische mir zwei Freudentränen von der Wange und sage „Ich danke dir! Es tut mir leid, dass ich immer noch zweifle, danke für deine Geduld, ich hätte wissen sollen, dass du mich immer sicher nach Hause bringst, wenn ich deinem Weg folge…

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