Wieder einmal

So viele Male stand ich vorm Spiegel und hatte Tränen in den Augen. Tränen der Wut und Verzweiflung, weil ich mit dem Anblick, der sich mir bot, nicht zufrieden war. So viele Male trug ich nicht das Outfit, das ich gern getragen hätte, weil ich mich nicht traute. So viele Male habe ich auf den Nachtisch verzichtet. So viele Male plagte mich das schlechte Gewissen, wenn ich dann doch der Gier erlag und mir die doppelte Portion einverleibt hatte. So viele Male hab ich mich geschunden und geplagt, um endlich dünn zu sein. Und wenn ich dann wieder mal erfolgreich abgenommen hatte, war ständig die Sorge da, ob ich das Gewicht auch halten könnte.

Und selbst dann war ich immer noch nicht zufrieden, fühlte mich immer noch nicht wohl in meinem Körper. Selbst wenn meine Diät von Erfolg gekrönt war und ich abgenommen hatte, blieb dieses Gefühl. Egal wie schlank ich auch war, ich fühlte mich trotzdem immer zu dick. Wann immer ich schlanke Frauen sah, beneidete ich sie und ihr Aussehen. Bei jeder Begegnung auf der Straße, bei jedem Film, den ich sah, war mein Hauptaugenmerk auf schlanke Frauen gerichtet.

Die hatten das, was ich nicht hatte. Es schien als könnte ich diesen Kampf nicht gewinnen. Ich wollte mich doch einfach nur wohlfühlen in meiner Haut. Nicht ständig unzufrieden sein mit meinem Spiegelbild. Alles drehte sich immer nur um meine Figur. Wenn ich schlank war, musste ich alles Menschenmögliche tun, um es zu bleiben, bzw. noch schlanker zu werden. Und wenn ich wieder zugenommen hatte, musste ich alles Menschenmögliche tun, um wieder abzunehmen.

Ich dachte ich hätte dieses leidige Thema hinter mir gelassen. Doch das Einzige was sich geändert hatte, war dass ich mir nach dem Essen nicht mehr den Finger in den Hals steckte. Die Bewertungen, die Schuldgefühle, das schlechte Gewissen und die Besessenheit blieben. Selbst als ich der Meinung war, dass ich nun endlich Frieden mit mir und meinem Körper geschlossen hatte, blieb der Fokus ausschließlich auf meiner Figur.

Es gab zwar immer mal Tage, an denen ich mir vermeintlich keinerlei Gedanken darum machte und mich auch einigermaßen wohlfühlte. Doch wirklich verschwunden war es nie. Diese Besessenheit. Das schlechte Gewissen, die Scham, die Vorwürfe und der Hass auf mich und meinen unförmigen Körper. Der Wunsch und gleichzeitig die Unzufriedenheit blieben. All die Jahre.

Und als ich vor ein paar Tagen meine Sommerklamotten hervorholte und feststellte, dass mir nichts davon passt, brach eine Welt zusammen. Wieder einmal. Und wieder einmal mehr nahm ich mir vor abzunehmen. Wieder einmal mehr nahm ich mir vor es diesmal durch zuziehen. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich endlich wieder schlank wäre. Wenn ich die Figur hätte, die ich mir so sehnlich wünschte. Und dann überkam mich eine Welle an Gefühlen. Schmerz, Verzweiflung und immense Wut.

Und ich verstand es. Es fiel mir wie Schnuppen vor den Augen. Es geht nicht darum schlank zu sein. Es geht nicht darum meine Wunschkleidergröße zu besitzen.

Ich möchte mich wohlfühlen in meinem Körper, egal wie ich aussehe. Ich möchte mich schön finden. Ich möchte mich gernhaben. Ich möchte endlich Frieden schließen. Ich bin des Kampfes müde und überdrüssig. Unzählige Male hab ich schon abgenommen und wieder zugenommen. Unzählige Male stand ich verzweifelt vorm Spiegel. Unzählige Male nahm ich mir vor, mich von nun an zu lieben und freundlich zu mir zu sein.

Unzählige Male und so viele Jahre. Ich habe genug davon. Endgültig. Ich beende diesen Kampf gegen mich selbst. Heute, jetzt, ein für alle Mal. Und anstatt mich zu fragen wie ich wieder abnehmen kann, frage ich mich nun:„Wie würde ich mich fühlen, wenn ich mich wohl in meiner Haut fühlen würde? Wenn ich vollends zufrieden mit mir wäre? Wenn ich mich schön finden würde und wenn ich mich gern hätte? Wie würde ich mich dann verhalten? Wie würde ich denken, wie würde ich gehen, stehen, mich ansehen? Wie würde ich von mir selbst sprechen? Wie würde ich mir selbst begegnen? Wie würde ich mit Komplimenten umgehen? Wie wäre es sich in seinem Körper rundum wohl zu fühlen und sich zu lieben?

Das ist  mein neues Gefühl, dem ich meine ganze Aufmerksamkeit widme. Es fühlt sich noch neu und ungewohnt an. Aber es zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen und erzeugt Frieden in mir. Und so gebe ich mich diesem Gefühl hin, tauche ein und lasse es in mir wachsen und emporsteigen, bis es mein natürlicher Zustand wird und ich mir diese Frage nicht länger stellen muss. Denn es ist dann eine Tatsache und ich fühle mich wohl in meinem Körper…

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