Mein Wunder

Das sind meine Beine. Ich hab sie so sehr gehasst, dass ich sie am liebsten abgeschnitten hätte. Umso mehr hab ich es geliebt, wenn das Blut floss, wenn sich das liebliche Rot auf meinen verhassten Oberschenkeln ausbreitete. Wenn das Messer durch mein Fleisch schnitt und mich der Schmerz daran erinnerte, dass ich noch am Leben war.

Für kurze Zeit verschaffte mir der Anblick des fließenden Blutes Erleichterung, manchmal fast Freude und Genugtuung. Ich konnte dieses Ding bestrafen, ich konnte ihm weh tun. Dieses Ding mit dem ich mein Leben fristen musste. Das mich immer wieder daran erinnerte was mit ihm passiert war. Ohne es würde ich mich nicht so fühlen. So wertlos, so benutzt, so dreckig. Ich hätte nicht solche Schmerzen. An manchen Tagen war der Schmerz so groß, das ich das Gefühl hatte daran zu ersticken. Alles in mir tat weh und brannte und ich wollte einfach raus. Raus aus diesem Ding, raus aus diesem Leben. Ich gab ihm die ganze Schuld. Ich fühlte mich unsagbar hässlich, fett und nicht liebenswert.

Und ich dachte, wenn ich nur schlank genug wäre, dann wäre alles gut. Wenn ich schlank wäre, dann wären alle Probleme verschwunden. Dann könnte ich ein glückliches Leben führen. Das war mein einziger Wunsch und meine Passion für viele viele Jahre. Schlank sein um jeden Preis und das Ding im Zaum halten und kontrollieren.

Und dann war ich schlank und nichts war gut. Ich wollte noch schlanker sein. Immer dachte ich es läge nur an meiner Figur, dass ich so unglücklich bin, traute ich mich doch oft nicht mal ins Schwimmbad weil ich meinen Anblick niemandem zumuten wollte. Zu groß war die Scham. Ich hasste mich und meinen Körper sosehr, dass ich nicht sehen konnte dass mein Körper nicht das Problem war. Meine Seele war verletzt, zerrissen und schrie nach Aufmerksamkeit und Liebe.

Erst als ich verstand, dass mein Körper nicht mein Feind ist, dass ich ihn nicht bekämpfen muss, begann mein Leben. Erst als ich Frieden mit meinem Körper schloss und auch Frieden mit der Vergangenheit, begann ich mich endlich zu entspannen und konnte die Obsession schlank sein zu wollen loslassen.

Ich konnte aufhören an mir herumzudoktern, mich zu verurteilen und mich zu quälen und kasteien. Ich begann mich zu akzeptieren und zu lieben. Jeden Tag aufs Neue stehe ich vor der Entscheidung: reiche ich mir die Hand und gehe meinen Weg mit mir gemeinsam oder zücke ich erneut das Schwert und gehe aufs Schlachtfeld.

An den meisten Tagen wähle ich meine Hand zu nehmen und an anderen Tagen zücke ich erneut das Schwert und bin zum Kampf bereit. Doch es dauert meist nicht lange bis ich das Schwert wieder senke und mich mit mir versöhne. Denn darum geht es im Leben, dass man sich selbst liebt und den Weg gemeinsam geht. Hand in Hand…bein

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